"Kreatives Schreiben"

"Ich schreibe. Ich lese. Ich atme. Ich esse. In dieser Reihenfolge. Man könnte mir die Nahrung nehmen, die Luft zum Atmen, vielleicht sogar die Bücher, aber wenn man mir Stift und Papier nehmen würde, ich hätte dem Wahnsinn nichts mehr entgegenzusetzen“.

„Ich schreibe. Ich lese. Ich atme. Ich esse. In dieser Reihenfolge. Man könnte mir die Nahrung nehmen, die Luft zum Atmen, vielleicht sogar die Bücher, aber wenn man mir Stift und Papier nehmen würde, ich hätte dem Wahnsinn nichts mehr entgegenzusetzen. “So beschreibt eine Frau im Rahmen einer Radiosendung „Schreiben als Selbsthilfe und Therapie“ die Bedeutung des Schreibens für sie. (WDR- Sendemanuskript)

Das, was die Autorin für ihr Schreiben formuliert, findet für viele inzwischen auch im Internet statt. Angebote für Rat und Unterstützung werden immer mehr genutzt. Ein Anliegen, auf das die Telefonseelsorge inzwischen reagiert hat. Anrufende wurden ermutigt, ihr Erleben aufzuschreiben, anderen zu schreiben, und sich dadurch zu erinnern und zu entlasten.

 

Telefonseelsorge und E-Mail Beratung

MitarbeiterInnen der Telefonseelsorge sind dafür ausgebildet, genau hinzuhören, und mit den Ratsuchenden ein Gespräch zu führen, damit sich dadurch Lösungswege entwickeln können. Am Telefon wird mit kurzen Sätzen reagiert; sie sind korrigierbar und erläuterbar.

Für die Internet-Beratung gilt es, genau zu lesen, „zwischen den Zeilen zu lesen“ und die  Antwort in einem Mail niederzuschreiben. Ein Text, auf den es zunächst keine Reaktion gibt. Oft entsteht für die Schreibenden eine Konfrontation mit dem bisher gelernten schulischen oder beruflichen Schreiben. Der Text der Ratsuchenden liegt vor, man kann ihn mehrfach lesen, gleiches ist mit der Antwort möglich.

Anscheinend fordert die E-Mail heraus, einen Brief zu schreiben, wie wir es bisher gewohnt sind. Wir nehmen uns Zeit, die Anfragen zu beantworten. Dabei aktualisieren sich häufig die altbekannten Erfahrungen mit Schreibprozessen. Diese können gute und hilfreiche sein, sie können aber auch immer wieder zu Hemmungen oder Blockaden führen, die es schwer machen, einen Text zu beantworten.

Der Schreibvorgang ist ein Arbeitsprozess, der wie alle anderen Tätigkeiten auch, emotional, kognitiv und physiologisch abläuft. Der Prozess ist leicht störbar z.B. durch frühere Erfahrungen, Leistungsansprüche, Konflikte mit Autoritäten, mangelnde Rückmeldungen etc, Lärm, kein abgegrenzter Ort usw. oder das jeweilige Thema enthält ein schwerwiegendes Anliegen.

Das Erkennen dieser Faktoren z.B. durch das Schreiben über die eigene „Schreibbiographie“ , den Vorlieben und Abneigungen, hat zum Ziel, sich damit auseinander zu setzen und Strategien zu entwickeln, mit ihnen schreibend umzugehen.

 

E-Mail-Beratung und Kreatives Schreiben

Neben dem Erlernen von Beratungstechniken etc. wird es nun erforderlich, sich mit dem Schreiben zu befassen. Wege dies zu erlernen und für die Internet-Beratungsarbeit sinnvoll zu entwickeln, bieten sich meines Erachtens über das Kreative Schreiben und im weiteren Verlauf über die Poesietherapie an. Damit wird an eine Tradition angeknüpft, denn Schreiben wurde schon früh als Möglichkeit der eigenen Analyse erkannt und genutzt.

Mein Konzept ist es, über die eigenen Erfahrungen des Schreibens und durch die Methoden des Kreativen Schreibens einen leichteren Zugang zum Schreiben und Lesen zu finden. Kreatives Schreiben ist dazu ein Angebot, das die Schreiberinnen und Schreiber ermutigt, ihre Gedanken zu Papier zu bringen, das durch verschiedene spielerische und kreative Ausdrucksformen anbietet und hilft, den eigenen Stil zu finden und (weiter-)zu entwickeln.

Voraussetzungen sind die Bereitschaft und/oder Lust am Schreiben, Spaß an der Nutzung und Entwicklung der eigenen Kreativität in einer Gruppe.

Zunächst werden die Themen zum Schreiben vorgegeben. Jede und jeder schreibt den Text so, wie er für sie/ihn richtig ist. Dabei kann ein Text durch automatisches Schreiben entstehen, ein kurzes Gedicht mit einer vorgegebenen Anzahl von Worten oder das Schreibwort durch ein Cluster (Ideennetz) mit Inhalt gefüllt werden.

Ebenso wie die Erfahrung des Schreibens und was sich aus der Vorgabe entwickelt, ist das Lesen in der Gruppe. Erste Kommentare beziehen sich vor allem darauf, was die Zuhörenden verstanden haben, was sie jeweils aus dem Text gehört haben. So erhält das Geschriebene eine erste Öffentlichkeit und für die Vorlesenden ergibt sich in der Regel die Erfahrung, dass das, was sie ausdrücken wollten, auch verstanden wurde. Durch das Vorlesen, mit anderen in Kontakt treten, durch die Rückmeldung erhält die Schreibende Anregungen. Der Text verändert sich durch die Kommunikation.

Es findet ein Übersetzungsprozess statt, durch den das Erlebte für die Schreibenden aber auch für die Lesenden zugänglich wird. Es wird les- und hörbar, wie innere Prozesse in Worte übersetzt werden.

Das innere Erleben wird auf das „Papier“ gebracht, es wird wiederholt, beim Lesen durchgearbeitet und es kann – evt. schon zurückgestellt oder losgelassen werden oder braucht weitere Formen des Ausdrucks. Hier folgt man dem von Freud vorgeschlagenen Schritten des Erinnerns, Wiederholens, Durcharbeitens und Ablösens.

Dieser Schritt ist wichtig, um mit einer E-Mail in schriftlichem Kontakt zu einem unbekannten Menschen zu kommen und vorher selbst erlebt zu haben, wie viele verschiedene Erfahrungen Zuhörende wiedergeben und wie gut Gefühle und das „ungeschriebene Geschriebene“ lesbar sind.

 

Beispiele:

Eine erfundene Mail wird weitergeschrieben, zwischen jeden Satz schreibt jedeR einen weiteren Satz.

Oder: Im Sinne des Automatischen Schreibens schreiben alle 10 Minuten lang, was ihnen in den Sinn kommt, ohne darüber nachzudenken.

Oder: Ein wichtiges Wort wird herausgenommen, zu diesem wird ein Cluster (Ideenetz) mit vielen Themen entwickelt.

Oder: JedeR schreibt zu diesem Wort einen eigenen Text, um herauszufinden, was ihn oder sie selbst bei diesem Thema beschäftigt.


Nach diesen Übungen und mit evtl. neuen Ideen ausgestattet, lässt sich die erste Beantwortung möglicherweise freier und leichter formulieren. Der „leichtere“ Umgang mit E-Mail ist m.E. auch deshalb wichtig, da das Internet unsere bisherigen Schreiberfahrungen durch seine Schnelligkeit und Verkürzung verändert. So sollten wir versuchen, eine gute Balance zu finden zwischen der Schnelligkeit und dem sorgfältigen Umgang mit E-Mail.

 

Dr. Monika Maaßen, Telefonseelsorge Münster,

 

 

Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hrsg.) "Poesie und Therapie", Über die Heilkraft der Sprache

Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hrsg.) "Poesie und Therapie", Über die Heilkraft der Sprache

Helmut H. Koch, Nicola Keßler (Hrsg.) "...fast wie Phönix", Literarische Grenzgänge

Helmut H. Koch, Nicola Keßler (Hrsg.) "...fast wie Phönix", Literarische Grenzgänge

Cordula Neuhaus "Lehrbuch des kreativen Schreibens", Verlag Urania-Ravensburger

Cordula Neuhaus "Lehrbuch des kreativen Schreibens", Verlag Urania-Ravensburger